Neues aus der Wissenschaft
Auswirkungen des Angelns auf Fischbestände

Angeldruck – Fischbestände, Fänge und Entnahmefenster

Ich wohne in Berlin, aber angeln gehe ich hier nur selten. Warum? Das ist relativ einfach, ich gehe angeln um zu enstpannen und wenn ich nicht die Plätze beangeln kann, die ich gerne beangeln möchte, weil andere Angler dort bereits angeln, ist das nicht enstpannend für mich. Ich fahre nach Mecklenburg-Vorpommern, dort verteilen sich die Angler auf enorm viele Gewässer. Oder ich fahre nach Sachsen-Anhalt, dort gibt es zwar weniger Wasser, aber dafür auch weniger Angler.

Angeln = Trendsportart

Angeln liegt allerdings voll im Trend. Die Angelwelt in Berlin hatte dieses Jahr bereits am Samstag so viele Besucher, wie sie im letzten Jahr insgesamt hatte. Man hat zumindest das Gefühl, dass die Zahl der Angler immer weiter steigt. Was in jedem Fall steigt, ist die Effektivität der Angler. High-end Technik wie zum Beispiel Echolote sind zwar noch eher die Ausnahme als die Regel, aber die Palette an hoch effektiven Ködern und Methoden wächst fast täglich. Das hat natürlich Auswirkungen auf unsere Fischbestände. Wie drastisch diese sein können, erfahrt ihr in diesem Artikel. Außerdem werde ich ein paar Zahlen zu Fangraten präsentieren und kurz darlegen, warum das Entnahmefenster, von vielen als Allheilmittel gepriesen, nicht unbedingt eine Lösung für dieses Problem ist.

Fischbestände

Wie drastisch sich die Angelei auf Fischbestände asuwirken kann, hat eine Studie aus den USA untersucht. Studienobjekt war in dem Fall der Walleye (Sander vitreus) ein naher Verwandter unseres heimischen Zanders (Sander lucioperca). Das Untersuchungsgebiet war ein mehr als 300 ha (3 km²) großer See. Dieser See würde in Deutschland nur knapp die Bestenliste der 50 größten Seen verfehlen und würde sie vermutlich erreichen, wenn man die Stauseen nicht mit einbezieht. Zum Vergleich, in Deutschland gibt es schätzungsweise 30000 Seen mit einer Fläche von mehr als einem Hektar. Der untersuchte See war seit etlichen Jahren für Angler gesperrt und wurde dann im Jahr 2006 für die Angelei frei gegeben. Bevor der See für Angler frei gegeben wurde, wurde die Popolation des Walleyes mit Hilfe von standartisierten wissenschaftlichen Methoden bestimmt.

Angleraufwand

Die Walleye-Saison in den USA beginnt am 15. Juli. In den ersten zwei Wochen (!) nach der Öffnung des Gewässers wurde circa 15000 Stunden an dem Gewässer geangelt. 15000 Angelstunden entsprechen circa 100 Anglern, die über zwei Wochen täglich 10 Stunden an einem Gewässer angeln. Das klingt zunächst viel, relativiert sich aber recht schnell, wenn man bedenkt, dass allein bei der Predator-Tour 240 Angler teilnehmen (Tendenz steigend).

Bestandsentwicklung

Allein in den ersten zwei Wochen nach der Öffnung des Gewässers wurde die Anzahl der Walleyes um mehr als 75% und die Biomasse um mehr als 70% reduziert. Die Zeit, welche die Angler in den folgenden Jahren an dem See verbracht haben, hat sich natürlich reduziert. Trotzdem haben sich die Bestände nicht erholt. In 2006 gab es circa 8500 Walleyes im See, 2010 waren es nur noch 1500. In Bezug auf die Biomasse sehen die Zahlen noch dramatischer aus. Gab es 2006 knapp 30 kg Walleyes pro Hektar Wasserfläche, waren es 2010 nur noch 3,5 kg pro Hektar Wasserfläche! Die Fische sind also nicht nur weniger, sondern auch kleiner geworden.

Verjüngung der Bestände ist die Regel

Das Angeldruck zu kleineren Fischen führt, hat nicht nur die oben erwähnte Studie gezeigt. Eine Verjüngung der Bestände durch selektive Entnahme wird regelmäßig dokumentiert. So konnte eine russische Studie ebenfalls zeigen, dass nachdem ein Flussabschnitt der Wym für die Angelfischerei geöffnet wurde, die durchschnittliche Größe der für Angler interessanten Arten sehr schnell drastisch abgenommen hat. In dieser Studie konnte sogar gezeigt werden, dass bestimmte Größenklassen bei zu starkem Angeldruck vollständig aus der Population entfernt werden.

Entnahmefenster – Das Allheilmittel?

Genau um diese Verjüngung der Bestände zu verhindern wird das Entnahmefenster in letzter Zeit in Deutschland als Allheilmittel propagiert. Doch leider ist das Problem nicht ganz so einfach.

Selbstregulation vs. Hyperstabilität der Fänge

Zunächst sollte man erwarten, dass sich die Betandsgrößen mehr oder weniger selbst regulieren. Ist ein guter Bestand vorhanden, steigt im Normalfall die Anzahl der Angler und damit auch die Anzahl der Fische, die entnommen werden. Beginnt der Bestand zu schrumpfen, werden die Angler weniger, die Entnahmen gehen zurück und der Bestand kann sich wieder erholen. Wie die bereits genannte Studie zeigt, ist dem leider nicht so. Sind die Bestände einmal reduziert, erholen sie sich nicht so schnell wieder und bleiben auf einem niedrigen Niveau. Nun ist dieses Beispiel aber durchaus sehr drastisch. Aber auch in der „normalen“ Angelei funktioniert diese Selbstregulation oft auf Grund der sogenannten „Hyperstabilität“ der Fangraten nicht.

Was bedeutet Hyperstabilität der Fänge?

Hyperstabilität der Fänge bedeutet, dass die Anzahl der gefangen Fische nicht linear mit der Populationsgröße zusammenhängt. Die Population kann schon sehr stark geschrumpft sein und wir fangen trotzdem noch relativ viele Fische. Das liegt einfach daran, dass sich die Fische, der bereits stark dezimierten Population, immernoch an ihren bevorzugten Standplätzen aufhalten und die kennen wir als Angler natürlich und beangeln diese sehr gezielt und zunehmend effektiver.

Warum das Entnahmefenster manchmal nicht hilft

Nun könnte man meinen, dass auch hier das Entnahmefenster helfen sollte. Tut es in vielen Fällen vielleicht auch, aber gerade für Fischarten die je nach Geschlecht eine unterschiedliche Maximallänge oder auch Wachstumsrate auffweisen, wie es bei zum Beispiel bei Barsch und Hecht der Fall ist, kann ein Entnahmefenster auch negative Folgen haben.

Beispiel Hecht

Das ist am Beispiel des Hechtes leicht erklärt. Die Männchen schaffen es nur selten aus dem Entnahmefenster „heraus“ zu wachsen. Das bedeutet, dass der Angeldruck auf männliche Tiere durch das Entnahmefenster zunimmt. Ist die Population bereits dezimiert und der Angeldruck hoch genug (was vermutlich nicht selten der Fall ist), ist das Wachstum der Population durch das Fehlen der männlichen Tiere limitiert. Genau das hat eine aktuelle Studie am Beispiel des Hechtes gezeigt. Man muss allerdings auch dazu sagen, dass der klassische Mindestmaßansatz auch zu einer verringerten Wachstumsrate der Population geführt hat.

Grenzen der Studie und offene Fragen

In der Studie wurden außerdem sehr restriktive Entnahmefenster untersucht (z.B. zwischen 40 und 60 cm), so restriktiv sind Entnahmefenster bei uns kaum. Es ist also fraglich, inwieweit ein weniger restriktives Entnahmefenster noch geschlechtsspezifischer wirkt, weil viellciht Männchen gar keine Chance mehr bekommen aus diesem herauszuwachsen. Ein weiterer Aspekt, der in der Studie ebenfalls nicht untersucht wurde, ist ein zusätzlicher Entnahmedruck auf die Männchen durch das Verbot der Entnahme von größeren Tieren (meist Weibchen). Die Frage wäre also, ob ein Angler, der vor der Zeit des Entnahmefensters einen 80 cm Hecht entnommen hat, nun, nach Einführung des Entnahmefensters, solange weiter angelt, bis er den 60 cm Hecht (oder auch 2 davon, um auf die gleiche Masse zu kommen) gefangen hat?

Weitere Limitationen des Entnahmefensters

Im übrigen sind auch weitere Annahmen die ein Entnahmefenster begründen (Bedeutung großer Laichtiere und Kleinwüchsigkeit der Bestände durch Mindestmaße) wissenschaftlich nicht so eindeutig bestätigt, wie sie in Deutschland gerne angepriesen werden. Ganz zu schweigen davon, dass ein Entnahmefenster keine Fotosession und Mess- und Wiegeprozedur des Fisches rechtfertigt.

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>Hier< noch ein ergänzender Artikel zum Thema.

Weitere Artikel von mir findet ihr auch auf meiner Website martinfriedrichs.de

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Martin Friedrichs

MARTIN FRIEDRICHS

Martin ist Doktorand am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Sein thematischer Schwerpunkt liegt bei der Fließgewässerökologie und dem Naturschutz. Neben der Promotion ist Martin begeisterter Angler und für uns als Wissenschaftsjournalist tätig. Er wirft für Dich einen Blick hinter die Fakten & Mythen im Angelbereich. Eben mehr als nur Angeltipps! Hier geht es um knallhartes Faktenwissen rund ums Angeln, welches Martin mit den dazugehörigen Studien belegt. Sei dabei, diskutiere mit und gestalte eine nützliche Wissensdatenbank mit Angeltipps von Anglern für Angler!

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Literatur:

  1. Walley-Studie: Blackwell, B. G., Kaufman, T. M., & Moos, T. S. (2019). Angler exploitation of an unexploited walleye population in the northern Great Plains. Fisheries Research, 216, 59-64.
  2. Hyperstabilität: Dassow, C. J., Ross, A. J., Jensen, O. P., Sass, G. G., van Poorten, B. T., Solomon, C. T., & Jones, S. E. (2019). Experimental demonstration of catch hyperstability from habitat aggregation, not effort sorting, in a recreational fishery. Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences, (ja).
  3. Entnahmefenster: Stubberud, M. W., Vindenes, Y., Vøllestad, L. A., Winfield, I. J., Stenseth, N. C., & Langangen, Ø. (2019). Effects of size‐and sex‐selective harvesting: An integral projection model approach. Ecology and Evolution.
Dezember 11, 2019
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